Peter E. Schaufelberger. Das Buch als Form und Motiv.
Ausstellung «Tagebuch-/Buchobjekte» zu Katharinen.

Acht Kunstschaffende der visarte.ost beteiligen sich im Katharinensaal an einer Ausstellung, in der das Buch als Form und Motiv im Zentrum steht.

«Tagebuch-/Buchobjekte»: Das Thema der Ausstellung von visarte.ost zu Katharinen ist weit gefasst. Es schliesst die Privatheit des Tagebuchs, des französischen «journal intime», ebenso ein wie das Buch als blossen Gegenstand, das Skizzenbuch mit gezeichneten Notizen und das Buch als Kunstobjekt, in dem sich Formen und Techniken visuellen Gestaltens mit Sprache, Schrift, musikalischer Notation verbinden.

Acht Kunstschaffende der visarte.ost haben das Thema aufgegriffen; in acht Vitrinen werden die Ausstellungsobjekte gezeigt. Sieben dieser Vitrinen sind geschlossen, entziehen die Arbeiten dem blätternden Zugriff und allzu neugierig-indiskreten Blicken: Privates, Intimes ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, etliche Werke sind auch ausdrücklich als Privatbesitz gekennzeichnet. Geschlossen in anderer Weise ist auch die achte Vitrine. Die neun Bibeln, jede in einer andern Sprache, die Talmud- und die Koranausgabe, die Hans Thomann in Zement eingegossen hat, liegen zwar offen da; ihre Inhalte aber sind buchstäblich eingemauert, würden erst dann wieder zugänglich, wenn die Kunstobjekte zerstört, die elf Bücher wieder aus ihrer starren Umklammerung befreit würden.

 

Verschlossene Geheimnisse

Ein Gegenstück zu Thomann bilden die drei weiss eingeschlagenen Folianten von René Düsel. Zwischen den Deckeln verbergen sich nach Aussagen des Künstlers Texte, Fotos, Gegenstände - ein «Sammelsurium» von «Inspirationsquellen», bewacht gleichsam von je einem fotografierten Auge, das die Betrachtenden von jedem Umschlag aus anschaut. Verschlossen sind auch die nicht einmal taschenbuchgrossen, mit farbigen Bändern umwickelten Objekte von Marianne Frei. In zwei Schachteln säuberlich eingereiht, daneben fast zufällig in der Vitrine verstreut, präsentieren sie sich als «Biblio.thek der Erd. und Univer sum», hüten Geheimnisse, die auf kosmische Dimensionen, zugleich aber nach innen in die Tiefen der Seele verweisen. Offen liegen das grosse Speckstein-Buchobjekt mit der eingelassenen Schriftfolie und die beiden grossformatigen Bücher mit Schuber von Brigitte Uttar Kornetzky in der Vitrine. Schrift und wohl auch Sprache der Folie aber sind unverständlich, vom Buchobjekt «Lauschen aufs Wort» ist nur die Titelseite sichtbar, die aufgeschlagene Doppelseite von «Asche und Feuer» wie auch einige auf Fotos festgehaltene weitere Seiten sind von Brand- und Sengspuren überzogen, vom maschinengeschriebenen Text auf den Rückseiten sind nur unzusammenhängende Worte und Satzfetzen zu entziffern: Offenheit wird nur scheinbar gewährt und umgehend wieder entzogen.

 

Reisenotizen

Nicht einsichtig ist Regula Baudenbachers abgenützter Koffer mit den bunten, nurmehr teilweise lesbaren Hoteletiketten. Mit «Impressionen aus Jemen, Burma, Thailand, Marokko, Laos und Kambodscha» aber ist der Inhalt präziser umschrieben: Verpackt ist eine Art Reisetagebuch, ungeordnet vielleicht, nicht weiter verarbeitet - weniger jedenfalls als das daneben liegende Reisejournal aus Nepal, dessen Blätter aus handgeschöpftem Papier mit kostbaren Motiven aus dem gleichen Material, aus Textilien, Schmuckstücken, Schliessnadeln versehen sind. Ebenfalls von Reisen berichten die Skizzenbücher und Buchobjekte von Bruno Steiger, angefüllt mit Zeichen, Zeichnungen, Aquarellen, rasch hingeworfen die einen, genauer ausgearbeitet die andern, von Hieroglyphen inspiriert eine Seite, die wohl auf den mehrmonatigen Aufenthalt des Künstlers in Ägypten zurückgeht.

 

Zwischen All und Erde

«Liederbücher» nennt Karl Fürer seine meist als Leporellos ausgestalteten Arbeiten: Gesang, Tanz, hingeworfen mit schwingendem Pinsel und Stift in freien Rhythmen, da und dort sich mischend mit Notenlinien und Notenschrift, abgehoben von Erdenschwere, hineintanzend in eine ferne Bläue. Und nochmals in eine andere Dimension greift das «All-chemische-Tagebuch» aus, formal wie auch in der Vieldeutigkeit des Titels. Urs Fritz schliesslich gibt sich erdhafter. «Die Küche des Alchemisten» nennt er ein in grösserer Auflage geschaffenes Buchobjekt, in «Roma», einem grossformatigen Folianten, verarbeitet er Impressionen aus der «Ewigen Stadt», «Boxen» schliesslich in Leporelloform erscheinen als reine Bilderbücher mit konzentrierten abstrakten Kompositionen aus verschiedenen Materialien.

 

St.Galler Tagblatt von Dienstag, 26. August 2003.

 

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